Pflanzliche Arzneimittel in der hausärztlichen Praxis:

Basistherapie oder Luxus?

Gliederung

1. Naturheilkunde und ärztliche Ausbildung

2. Johanniskraut und Depression

3. Ginkgo biloba und Hirnleistungsstörungen

4. Hausarzt und Naturheilkunde

Prof. Dr. med. Klaus Jork
Direktor des Institutes für Allgemeinmedizin
Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Frankfurt am Main

1. Naturheilkunde und ärztliche Ausbildung

  • 61 % der medizinischen Fakultäten bieten Lehrangebote an
  • nur 1 Lehrstuhl (Berlin) und 1 Professur (Ulm)
  • Lehrangebote durch Pharmakologie – Toxikologie Allgemeinmedizin und Geschichte der Medizin

Pascoe-Studie 2002

Approbationsordnung für Ärzte vom 26.4.2002:

§ 27: Unabhängig von der fachlichen Bewertung werden Naturheilverfahren von den Patienten in hohem Maße nachgefragt. ... Grundkenntnisse in den Naturheilverfahren sollen daher zu den Zulassungsvoraussetzungen zum zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung gehören.

73 % der Deutschen verwenden Naturheilmittel,in den 70er Jahren waren es noch 50 %. „Die Welt“ vom 24.8.2002

2.  Johanniskraut und Depression

Depression – ein Krankheitskomplex aus inneren und äußeren Faktoren

• endogen

• reaktiv

• neurotisch

• somatogen

Depressive Episoden

1. Primärsymptomatik

• gedrückte Stimmung
• Verlust von Freude und Interesse
• erhöhte Ermüdbarkeit „Losigkeits-Syndrom“

2. Begleitsymptome

• verminderte Aufmerksamkeit/Konzentration
• vermindertes Selbstwertgefühl
• Schuldgefühle/Wertlosigkeitsgedanken
• pessimistische Zukunftssicht
• Autoaggression
• Schlaflosigkeit
• Appetitlosigkeit

3. Somatisierung

• sonst angenehme Aktivitäten lösen keine Freude aus
• eingeschränkte emotionale Reaktion, verfrühtes morgendliches Erwachen

• Morgentief

• psychomotorische Hemmung

• Gewichts- und Libidoverlust

Depressive Verstimmung (230 Patienten) Häufigkeit psychovegetativer Symptome:

• Schlafstörungen 80 %

• Erschöpfung 71 %

• Müdigkeit 63 %

• Muskelschmerzen 54 %

• Kopfschmerzen 44 %

• Herzklopfen 44 %

Therapie der Depression:

1. Psychotherapie

2. Soziotherapie

3. Aktivität, Sport

4. Medikamente

Therapieziele bei Depression:

• Linderung von Angst, Agitation und Schlafstörung
• Suizidprävention
• Besserung von Stimmung und Antrieb

Alle Antidepressiva gleichen das Defizit an bestimmten Neurotransmittern (solche sind z.B. Noradrenalin, Serotonin, Dopamin) im ZNS aus durch:

• Hemmung der Rückresorption oder
• Hemmung des enzymatischen Abbaus 

Johanniskraut Hyperici herba aus Hypericum perforatum LINNE

• mit Abstand am verträglichsten und nebenwirkungsärmsten (fast keine Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit)

• deswegen besonders z.B. bei überforderten Müttern und multimorbiden Älteren

Dosis: 0,5 – 1,0 g Gesamthypericin / die.

3. Ginkgo biloba und Hirnleistungsstörungen

  • Demenz:
    kognitive Symptome: Störungen des Erkennens, Gedächtnisses, Erinnerung, Orientierung, Aufmerksamkeit, Konzentration, Denk- und Urteilsvermögen, Sprache, optisch-räumliche Wahrnehmung;
  • nicht-kognitive Symptome: Unruhezustände, Reizbarkeit, depressive Verstimmung, Wahnideen, Sinnestäuschungen, Fehlinterpretationen von Geräuschen und Gegenständen, unkontrolliertes Weinen, Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus;
  • neurologische Symptome durch Schädigung von Nervenzellen, wie verwaschene Sprache, Gangstörungen, Harnblasen- und Mastdarmstörungen, Sensibilitätsminderung der Haut, des Geschmacks;
Demenz
Hirnleistungsstörung

askulär

Multi-Infarkt-Demenz

Verminderung der Mikrozirkulation

degenerativ

Mb. Alzheimer

Störung des Energiestoffwechsels mit Zelltod

Nach SGB V haben Patienten einen gesetzlichen Anspruch auf medizinische Versorgungsleistungen, die eine Pflegebedürftigkeit vermeiden helfen: „ausreichend, zweckmäßig, wirtschaftlich“.

Demenz

  • in der Praxis kann nicht zwischen vaskulärer und stoffwechselbedingter Form unterschieden werden
  • Ginkgo biloba deckt mit seinem zweigleisigen Wirkungsmechanismus beide Formen ab:

• Durchblutungsförderung und

• Antioxidans mit zellprotektiver Wirkung

• preisgünstiger als allopathische Antidementiva

 Therapie der Demenz:

1. Bewegung

2. Ernährung

3. geistig fit bleiben

4. medikamentöse Therapie

Ginkgo bei Merk- und Konzentrationsstörungen: mit Anfangsdosis von dreimal 120mg/die häufig nach 1-2 Wochen eine positive Wirkung - oder Absetzen

4. Hausarzt und Naturheilkunde

Warum Phytopharmaka in der Hausarztpraxis?

  • Kenntnis der Patienten meist über viele Jahre
  • psychische und intellektuelle Störungen können früh bemerkt werden, auch wenn der Patient wegen anderer Beschwerden den Arzt aufsucht;
  • Diagnostik leichter und mittelschwerer Krankheitsstörungen
  •  geringes Nebenwirkungspotential