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Experten beklagen Chaos bei der Bewertung von Arzneimitteln
(München) Auf dem deutschen Medikamentenmarkt herrscht ein Durcheinander. Verschiedene Zulassungs- und Bewertungsverfahren verunsichern Ärzte, Apotheker und Patienten. Auf einer Pressekonferenz des kürzlich gegründeten Komitee Forschung Naturmedizin (KFN) beklagten Vertreten aus Medizin, Krankenkassen und Pharmaindustrie das Chaos und forderten die Politik auf, statt ineffektiv über weitere Positiv- oder Negativlisten zu beraten, für eine einheitliche Bewertung des deutschen Arzneimitteschatzes zu sorgen.
Den Grund für die problematische Situation sehen die Experten vor allem in der verschleppten Nachzulassung, der sich nach dem Arzneimittelgesetz von 1976 alle sogenannten Alt-Medikamente unterziehen müssen. Von den 32.000 infrage kommenden Präparaten haben bisher ganze 1.500 (Stand 2.9.98) die Nachzulassung erhalten. Mit Ausnahme jener 7.500 Mittel, die nach einer Sonderregelung als "traditionell angewandte Arzneimittel" zugelassen und gekennzeichnet sind, läßt sich bei den übrigen Alt-Präparaten nicht sicher beurteilen, inwieweit sie den anerkannten Qualitätskriterien entsprechen. Daß das Nachzulassungsverfahren auch nach einem knappen Vierteljahrhundert noch nicht abgeschlossen ist, hält der Vizepräsident der Deutschen pharmazeutischen Gesellschaft Theodor Dingermann für skandalös.
Besonders hart sind von diesem Versäumnis die pflanzlichen Arzneimittel (Phytopharmaka) betroffen, beklagte Michael Popp, Vorsitzender des KFN. Die forschenden Phytohersteller fordern deshalb "nachvollziehbare und justitiable Kriterien" für die Bewertung ihrer Medikamente. Wenn es nicht gelingt, zwischen medizinisch anerkannten und qualitativ ungenügenden Pflanzenpräparaten zu differenzieren, könnte möglicherweise die gesamte Phytotherapie "verblühen", mahnte Gerd Glaeske, Leiter der Grundsatzabteilung der Barmer Ersatzkasse.
Auch Ärzte können heute nicht unterscheiden, ob es sich bei einem Johanniskraut- oder Ginkgo-Präparat um eine wirksame Arznei oder ein Mittel von fragwürdiger Qualität handelt. Der bekannte Pharmakologe Ernst Mutschler empfiehlt ihnen daher, bei der Verordnung stets auf die wissenschaftliche Dokumentation der einzelnen Präparate zu achten.
Um den Zugang zu solchen Daten zu erleichtern, startet das Komitee Forschung Naturmedizin im Mai eine Dokumentationsreihe, die wissenschaftlich fundierte, aktuelle Forschung aus dem Bereich der Phytotherapie bereit hält und damit die gewünschte Unterscheidungsfähigkeit fördert.
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