Johanniskrautforschung:
Neue Ergebnisse optimieren die Therapie

Termin: Mittwoch, den 28. September 2005
Zeit: 11.00 - 13.00 Uhr
Ort: PresseClub München
Marienplatz 22
80331 München
11.00 Uhr Prof. Dr. Ulrich Honegger, Bern

Johanniskraut: Dem Wirkmechanismus auf der Spur

Diskussion

11:30 Uhr

Prof. Dr. med. Siegfried Kasper, Wien

Schwere Depressionen: Weniger Rückfälle unter Hyperikum-
Therapie

Diskussion

12.00 Uhr

Prof. Dr. med. M. Gastpar, Essen

Hypericum-Extrakt einmal täglich ist Sertralin ebenbürtig

Diskussion

12:30 Uhr Dr. Ulf Maywald, Dresden

Phytopharmaka aus Patientensicht: Beispiel Johanniskraut

Moderation: Dr. Marcela Ullmann
Veranstalter: Komitee Forschung Naturmedizin e.V. (KFN)

zum Vergrößern der Grafik auf das Bild klicken.


Ulrich Honegger, Bern

Statement zum Thema

Johanniskraut: Dem Wirkmechanismus auf der Spur

Es ist einfacher eine Spur zu finden, wenn das Ziel klar definiert ist. Umso schwieriger ist es, eine Spur zu verfolgen, wenn das Ziel, wissenschaftlich ausgedrückt, nur aus Hypothesen besteht.

Seit Jahrzehnten werden Psychopharmaka, und im speziellen Antidepressiva verbreitet klinisch angewandt, und dennoch sind ihre Wirkungsmechanismen noch weitgehend ungeklärt. Gesichert ist, dass antidepressiv wirksame Arzneistoffe auf den zentralen Neurotransmitter-Haushalt einwirken. Synthetische Antidepressiva greifen an den Übertragungsstellen der noradrenergen, serotoninergen und teilweise auch an dopaminenergen Nervenzellen an. Sie bewirken unmittelbar eine Erhöhung der Neurotransmitter-Konzentration im synaptischen Spalt. Dies erfolgt entweder durch Hemmung der Wiederaufnahme, durch erhöhte Ausschüttung oder durch gehemmten Abbau der Ueberträgersubstanzen im präsynaptischen Teil der Synapse. Nach chronischer Verabreichung und zeitgleich mit dem klinischen Wirkungseintritt, kommt es zu adaptativen Veränderungen postsynaptischer Neurotransmitter-Rezeptorendichten. Damit verbunden sind Veränderungen der Weiterleitung postsynaptischer Signale.

Auf der Suche nach dem antidepressiven Wirkungsmechanismus des Johanniskrautextraktes sind wir der Spur der klassischen, synthetischen Antidepressiva Forschung gefolgt.

An in-vitro Modellen wurden die biochemischen Effekte von trizyklischen Antidepressiva (TCA) und spezifischen Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) mit denjenigen von Johanniskraut-Extrakten verglichen.

Frisch präparierte Rattenhirnschnitte (Ø 2.8 mm x 0.3 mm) dienten zur Untersuchung der Neurotransmitter-Aufnahme, während an Kulturen von Ratten Astrozytomazellen zur Messung von Neurotransmitter-Rezeptoren und zelluläre Signalwege gemessen wurden.

Der wässrig-alkoholische Hypericum Gesamtextrakt Ze117, lipophile und hydrophile Pflanzenextrakten, sowie isolierte Pflanzeninhaltstoffe Hyperforin und Hypericin wurden mit den TCA Imipramin und Desipramin, sowie den SSRI Fluoxetin und Fluvoxamin verglichen.

Die Wirkungen der Extrakte und synthetischen Arzneistoffe auf den Neurotransmitter-Transport wurden durch Messung der Aufnahme von radioaktiv-markierten biogenen Aminen in die Hirnschnitte untersucht.

Die Effekte auf die Neurotransmitter-Rezeptorendichte wurden durch Rezeptorenbindungsstudien und durch die zeitliche Abfolge des Recyclings von grünfluoreszierenden -Adrenozeptoren an kultivierten, transfizierten Astrocytoma-Zellen mit konfokaler Fluoreszenz-Mikroskopie erfasst. Die Effekte auf die Signalkaskade wurden exemplarisch anhand der -Adrenozeptor-stimulierten zyklischen Adenosin-monophosphat (cAMP)-Bildung gemessen.

Das Folgen der Spuren mit den eben beschriebenen Mitteln führte zu den nachfolgenden Resultaten:

Neurotransmitter-Aufnahme in Rattenhirn-Schnitten

Ähnlich wie die synthetischen Antidepressiva, führten sämtliche Johanniskraut-Extrakte zu einer dosisabhängigen Verminderung der zellulären Aufnahme von Noradrenalin und Serotonin. Die Aufnahme von Noradrenalin wurde mit geringeren Dosen von Hypericum-Extrakten gehemmt, als diejenige von Serotonin. Hingegen war das Ausmass der Serotoninaufnahme-Hemmung vergleichbar mit derjenigen durch TCA und SSRI, während die Noradrenalin-Aufnahme durch die Pflanzenextrakte nicht im gleichen Ausmass wie durch synthetische Arzneistoffe gehemmt werden konnte.

Weder Hyperforin noch Hypericin als Einzelsubstanzen hatten einen hemmenden Effekt auf die Neurotransmitter-Aufnahme in Hirnschnitten.

ß-Adrenozeptorendichte an kultivierten Rattenhirnzellen

Aufgrund früherer Untersuchungen ist bekannt, dass die chronische Einwirkung von antidepressiv wirksamen Substanzen eine Abnahme der Rezeptorendichte in-vivo und an der Plasmamembran von kultivierten Zellen verursacht. Das Ausmass dieser “Down-Regulation“ war sowohl für synthetische Wirkstoffe, als auch für die pflanzlichen Extrakte dosisabhängig und erfolgte in den Zellkulturmodellen erst nach einer Expositionszeit von mindestens 6 Tagen. In vivo benötigt die Dichtereduktion eine Behandlungszeit mit TCA von 10 bis 20 Tagen, analog zum klinischen Wirkungseintritt.

Die Rezeptorenreduktionen waren für alle Behandlungen, einschliesslich für Extrakte ohne Hyperforin bzw. ohne Hypericin statistisch signifikant. Dagegen waren auch in diesen Tests die isolierten Reinsubstanzen Hyperforin und Hypericin ohne Effekt.

cAMP-Bildung

Um die Relevanz der induzierten -Adrenozeptor-Downregulation zu erfassen, wurden Rezepor-stimulierte cAMP-Konzentrationen gemessen. Die Reduktion der Bildung der „second messenger“-Substanz korrelierte mit derjenigen der Rezeptoren-Abnahme. Dies bedeutet, dass es sich bei den Rezeptoren, die durch die Antidepressiva in ihrer Zahl reduziert wurden, um funktionelle, und nicht etwa um Reserve- oder „spare“-Rezeptoren handelt.

In einer neueren Arbeit (Bürgi, Baltensperger, Honegger. J. Biol. Chem. 278: 1044-1052, 2003) konnten wir zeigen, dass stimulierte -Adrenozeptoren in chronisch mit TCA behandelten Zellen, gleich wie in Kontrollzellen internalisiert werden, dass aber das Recycling dieser Rezeptoren an die Zelloberfläche verlangsamt ist. Dies führt zu einer Umverteilung der Rezeptoren von der Zelloberfläche ins Zellinnere und damit zu einer Abnahme der funktionellen Oberflächen-Rezeptorendichte.

Die Versuche wurden mit konfokaler Fluoreszenz-Mikroskopie durchgeführt. Dabei konnten die mit einem grünfluoreszierenden Protein gekoppelten Rezeptoren in den stabil transfizierten Zellen verfolgt werden.

Erst mit der Verwendung eines Hypericin-freien Hypericum-Extraktes konnte eine analoge Studie durchgeführt werden. Vorgängige Abklärungen hatten ergeben, dass der Hypericin-freie Extrakt in sämtlichen Tests aktiv war und sich vom Ze117-Gesamtextrakt weder qualitativ noch quantitativ unterschied.

Spuren von Rest-Hypericin im Extrakt führen zu einem „Bleaching“-Effekt, so dass Zellen nur einmal und für kurze Zeit im Mikroskop beobachtet werden konnten. Diese Momentaufnahmen zeigten, dass statistisch gesehen, unter Extrakt Behandlung mehr Zellen ein verlangsamtes Rezeptorrecycling zeigten als parallel untersuchte Kontrollzellen.

Schlussfolgerungen
Aus den Spuren der in-vitro Versuche lassen sich folgende Erkenntnisse über die Wirkungsmechanismen von Johanniskraut-Extrakten machen:

Johanniskraut-Extrakte bewirken vergleichbare biochemische Veränderungen, wie klassische synthetische Antidepressiva (TCA, SSRI).

  • Die Transportmechanismen für die Neurotransmitter Noradrenalin und Serotonin in Nervenzellen werden akut gehemmt.
  • Die von der überwiegenden Zahl synthetischer Antidepressiva bekannte Reduktion der -Adrenozeptoren Dichte tritt auch nach chronischer Einwirkung von Johanniskraut-Extrakten ein. Die Abnahme der Rezeptorenzahl korreliert mit einer Modifikation der Signalkaskade, wie aus der Reduktion der -Adrenozeptor stimulierten cAMP-Antwort erkennbar ist.
  • Auch die “Down-Regulation“ der Zahl an Oberflächenrezeptoren scheint ebenfalls eine Folge des verlangsamten Rezeptor-Recyclings zu sein, ähnlich wie wir dies für TCA und SSRI Antidepressiva zeigen konnten.
  • Isolierte, reine Pflanzeninhaltsstoffe (Hyperforin und Hypericin) zeigten in unseren in vitro Modellen keine Wirkung. Extrakte ohne Hyperforin oder ohne Hypericin waren weiterhin aktiv. Dabei ist festzuhalten, dass die Extrakte umso wirkungsvoller waren, je lipophiler die Inhaltsstoffe waren.

Zur Zeit müssen wir davon ausgehen, dass die Extrakte als Ganzes das wirksame antidepressive Prinzip darstellen, und dass die Wirkung bisher nicht auf einzelne Inhaltsstoffe reduziert werden kann. Antidepressiva zeichnen sich aus durch ihre multiplen Angriffspunkte. Ein Vielstoffgemisch, wie es im Hypericum-Extrakt vorliegt, besitzt genau diese Eigenschaften.

Prof. Dr. Ulrich E. Honegger
Institut für Pharmakologie, Universität Bern
Friedbühlstrasse 49
CH-3010 Bern
Tel. 0041/ 31/ 632 32 81
Fax 0041/ 31/ 632 49 92
E-Mail: ulrich.honegger@pki.unibe.ch

[Folien]


Siegfried Kasper, Wien

Statement zum Thema

Schwere Depressionen: Weniger Rückfälle unter Hypericum-Therapie

Zu den häufigsten psychischen Erkrankungen gehören heutzutage die depressiven Erkrankungen. Weltweit wird eine deutliche Zunahme in den letzten Jahren registriert mit einer Prävalenz von 5 bis10 Prozent. Die unipolare Major Depression ist meist eine chronische, phasenhafte Erkrankung mit beschwerdeintensiven und beschwerdefreien Intervallen, die eine lebenslange Prophylaxe erfordert. Das erste Ziel der Akut-Therapie depressiver Erkrankungen ist ein schnelles Ansprechen auf die Medikation. Patienten, deren Gesamtscores der HAMD-Scala (Hamilton Rating Scale for Depression) oder der MADRS (Montgomery-Asberg Depression Rating Scale) sich unter der Akut-Therapie um mindestens 50 Prozent bessern, gelten als Responder.

Das langfristige Ziel der Therapie kann jedoch nur eine vollständige und dauerhafte Remission mit Symptomfreiheit (HAMD-Score < 7) sein.

Der Johanniskrautextrakt WS® 5570 ist ein hydroalkoholischer Extrakt mit einem Droge-Extrakt-Verhältnis von 3-7:1, standardisiert auf Hypericin und Hyperforin. In der Therapie leichter bis mittelschwerer depressiver Erkrankungen (Major Depression) ist die Wirksamkeit einiger Johanniskrautextrakte durch eine Vielzahl klinischer Studien und Metaanalysen belegt. Das Ziel der aktuellen Studie war es zu untersuchen, inwieweit der Johanniskrautextraktes WS® 5570 bei Vorliegen einer mittelschweren bis schweren Depression wirksam ist.

In einer randomisierten, doppelblinden kontrollierten Studie mit insgesamt 251 Patienten, die an einer mittelschweren bis schweren depressiven Episode litten wurde deshalb die Wirksamkeit von WS® 5570 mit der des synthetischen Antidepressivums Paroxetin verglichen.

  • Die Dosierung von WS® 5570 betrug 900 mg/Tag, die von Paroxetin 20 mg/Tag.
  • Bei Non-Respondern (also einer Abnahme des HAMD-Gesamt-Scores </= 20 Prozent) erfolgte nach zwei Wochen eine Dosiserhöhung auf 1800 mg WS® 5570/Tag bzw. 40 mg Paroxetin

Die akute Behandlungsphase erstreckte sich über 6 Wochen, der sich eine ebenfalls doppelblinde viermonatige Erhaltungsphase für die Responder anschloss.


Ergebnisse: In der WS® 5570-Gruppe nahm der HAMD-Gesamtscore um durchschnittlich 14,4 Punkte ab, in der Paroxetin-Gruppe um durchschnittlich 11,4 Punkte (Test auf Nicht-Unterlegenheit von WS® 5570: p= 0,01202, Test auf Überlegenheit von WS® 5570: p= 0,0105). Bei allen Begleitvariablen ergab sich ebenfalls eine mindestens vergleichbare Wirksamkeit von des Hypericum-Extrakts gegenüber Paroxetin. WS® 5570 erwies sich zudem im Vergleich zu Paroxetin als besser verträglich. Mit der Akutbehandlung wurde die Wirksamkeit von WS® 5570 in der Therapie einer depressiven Episode bestätigt (1).

Nach Abschluß der Akuttherapie waren die Patienten im Mittel deutlich gebessert (HAMD-Gesamtscores von 11,1 für WS® 5570 und 14,1 für Paroxetin).

In der Erhaltungsphase erhielten die Responder, also 71 Patienten aus der WS® 5570-Gruppe (900mg oder 1800 mg/Tag) und 62 Patienten aus der Paroxetin-Gruppe (20 bzw. 40 mg/Tag) ihre Therapie in der gleichen Dosis weiter. Bei der Kontrolle am Ende der Erhaltungsphase (Tag 154) hat sich der Zustand der Patienten in beiden Gruppen nochmals geringfügig verbessert, mit einer HAMD-Gesamtscore-Abnahme um mehr als zwei Punkte. Auch bei den Begleitvariablen hat sich der Effekt wiedergespiegelt, WS® 5570 zeigte jedoch zusätzlich eine bessere Verträglichkeit als Paroxetin. Damit konnte für WS® 5570 eine mit Paroxetin vergleichbare Rückfallprophylaxe dokumentiert werden (2).

Die moderne Therapie der Depression sieht eine langfristige Therapie vor, die in verschiedene Abschnitte eingeteilt wird. Nach Überwindung der akuten Krankheitsepisode folgt eine mehrmonatige Rezidivprophylaxe-Therapiephase. Anschließend schützt eine Langzeiterhaltungstherapie vor dem Auftreten einer neuen Krankheitsepisode.

In einer weiteren Studie wollten wir daher die Wirksamkeit von WS® 5570 auch in dieser Phase überprüfen, da sich der Johanniskrautextrakt wegen seines sehr vorteilhaften Nebenwirkungsprofils für eine Langzeittherapie und -Prophylaxe besonders gut eignen würde.

In einer Langzeitstudie mit 703 Patienten, bei denen akut eine depressive Episode neu auftretenden ist, haben wir die Wirksamkeit von WS® 5570 in der Rückfallprophylaxe untersucht.

  • Zunächst wurden die Patienten über einen Zeitraum von 6 Wochen in einer einfachblinden Anordnung mit täglich 900 mg des Hypericum-Extrakts behandelt. 81 Prozent der Patienten sprachen auf diese Akut-Therapie an.
  • Diese Responder wurden anschließend über 26 Wochen doppelblind gegen Placebo zur Rückfallprophylaxe weiterbehandelt (n=570).
  • Die Therapie-Responder der zweiten Phase (n=426) wurden anschließend in einer Erhaltungsphase über 52 Wochen ebenfalls doppelblind weitertherapiert.

Ergebnisse der Zwischenauswertung nach 26 Wochen: In der WS® 5570-Gruppe waren nur 18,1 Prozent der Patienten von einem Rückfall betroffen, in der Placebogruppe waren es 25,7 Prozent. Das Zeitintervall bis zum Eintritt einer neuen depressiven Episode war außerdem bei der Johanniskraut-Gruppe deutlich verlängert. Zusätzlich zeigte sich in der Langzeitbehandlung über den Zeitraum von 26 Wochen eine weitere leichte Verbesserung des HAMD-Scores und BDI (Beck-Depressions-Inventar) bei den Therapierespondern, während es in der Placebogruppe zu keiner weiteren Verbesserung kam.

Die Anzahl der unerwünschten Ereignisse war auch während der Langzeitbehandlung sehr gering und betrug eine Auftretensdichte von 0,005 Prozent pro Behandlungstag für WS® 5570 und 0,006 Prozent für Placebo. Somit konnte für WS® 5570 eine wirksame Rezidivprophylaxe eindeutig demonstriert werden (3).

Fazit: Sieht man die Ergebnisse der vorgestellten Studien im Kontext an, so dokumentieren sie den Erfolg der Therapie mit dem Johanniskrautextrakt WS® 5570 in allen Stadien der Behandlung eindeutig. Der Johanniskrautextrakt ist demnach sowohl zur Behandlung akuter depressiver Episoden geeignet, als auch in der Erhaltungstherapie bzw. der langfristigen Rezidivprophylaxe. Klinisch ist auch die gute Verträglichkeit des pflanzlichen Antidepressivum von Bedeutung.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Siegfried Kasper
Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie
Medizinische Universität Wien
AKH, Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien

[Folien]

Literatur:
1. Szegedi A et al. Acute treatment of moderate to severe depression with hypericum extract WS 5570 (St. John’s wort): randomised controlled double blind non-inferiority trial versus paroxetine. BMJ 330: 503-506, 2005

2. Anghelescu I. G. et al. in Publikationsvorbereitung 2005

3. Kasper S. et al. Poster presented on 8th World Congress of Biological Psychiatry, 28.06. - 02.07. 2005 in Wien


Markus Gastpar, Essen

Statement zum Thema

Langzeittherapie: Hypericum-Extrakt einmal täglich ist Sertralin ebenbürtig

Die Wirkung von Johanniskrautextrakt wurde in zahlreichen klinischen Studien während der letzten 15 Jahre untersucht, diese Ergebnisse sind jüngst in einem Cochrane-Review zusammengefasst worden. Die Cochrane Collaboration hat sich die Aufgabe gesetzt, klinische Studien nach rigorosen Kriterien zu bewerten und den tatsächlichen Nutzen von Therapieverfahren durch die Zusammenfassung der Ergebnisse von Einzelstudien zu kalkulieren (Metaanalyse).

Die 2005 veröffentlichte Metaanalyse basiert auf 37 randomisierten, kontrollierten, doppelblinden Johanniskraut-Studien, in die insgesamt die Daten von 4.925 Patienten mit depressiven Störungen eingegangen sind [1].
Das Studienreview kommt zu folgenden Schlussfolgerungen:

  • Johanniskrautextrakt zeigte nur eine geringe Überlegenheit gegenüber Placebo
  • Johanniskrautextrakt war vergleichbar mit chemisch definierten Standard-Antidepressiva

Alle ausgewerteten Studien wurden mit Johanniskrautextrakten durchgeführt, die mehrfach täglich eingenommen werden mussten. Klinische Studien zur Einmalgabe von Johanniskrautextrakt fehlen bisher, obwohl gerade bei depressiven Patienten die Einnahme nur einer Tablette pro Tag die Compliance und damit die Genesung fördert.

Zur Behandlung der Depression wird ein langfristiges Therapiekonzept vorgeschlagen, das sich aus Akut- und Langzeittherapie zusammensetzt. Die längste Johanniskraut-Studie dauerte nur 3 Monate. Kontrollierte Studien zur Langzeitanwendung von Johanniskrautextrakt fehlen und nur ca. 10 Prozent der Studien wurden bei ausschließlich mittelschwer depressiven Patienten durchgeführt.

Unsere nachfolgend dargestellten Studien in der Indikation der mittelschweren Depression hatten zum Ziel Datenlücken für Johanniskraut zu schließen.

Die Kurzzeitstudie über 6 Wochen an 388 Patienten sollte die Überlegenheit der täglichen Einmalgabe von Johanniskrautextrakt über Placebo prüfen und zugleich zeigen, inwieweit dieser Extrakt mit einem chemisch definierten Standardantidepressivum in seiner Wirkung vergleichbar ist [2].

In der multizentrischen, randomisierten, doppelblinden sowie placebo- und verumkontrollierten Studie wurden Patienten mit mittelschwerer Depression (ICD-10 F32.1, F33.1) sechs Wochen lang mit 900 mg Hypericum-Extrakt STW 3-VI, 20 mg Citalopram oder Placebo behandelt. Die Präparate wurden einmal täglich eingenommen.

Ergebnisse: Die Wirksamkeit von STW 3-VI, Placebo und Citalopram wurde mit Hilfe der Hamilton-Depressions-Skala (HAMD-17) gemessen. Ausgehend von fast identischen Ausgangswerten in den drei Patientengruppen (Hypericum 21,9 Punkte, Citalopram 21,8 Punkte und Placebo 22 Punkte) verbesserte sich der HAMD innerhalb von sechs Wochen auf durchschnittlich 10,3 Punkte in beiden Verum-Gruppen und auf 13,0 Punkte bei den mit Placebo behandelten Patienten. Hypericum-Extrakt und Citalopram waren beide dem Placebo signifikant überlegen.

Der Anteil der Therapie-Responder lag bei 55,0 Prozent unter STW 3-VI, beziehungsweise bei 56,7 Prozent unter Citalopram auf dem gleichen Niveau und deutlich über dem Wert von 39,2 Prozent in der Placebo-Gruppe. Deutlich überlegen zeigte sich STW 3-VI gegenüber Citalopram in der Verträglichkeit. Während in der Hypericum-Gruppe lediglich bei 17,2 Prozent der Patienten unerwünschte Arzneimittelwirkungen beobachtet wurden, waren es in der Citalopram-Gruppe 53,2 Prozent.

Unsere Langzeitstudie sollte die Wirksamkeit von Johanniskrautextrakt über ein halbes Jahr im Vergleich zu einem anerkannten Standardmedikament prüfen [3].

In der multizentrischen, randomisierten, doppelblinden, kontrollierten Studie wurden 241 Patienten mit mittelschwerer Depression (ICD-10 F32.1, F33.1) mit 612 mg des Hypericum-Extrakts STW 3 oder 50 mg Sertralin behandelt. Die Präparate wurden einmal täglich eingenommen.

Die Studie war in zwei Behandlungsphasen unterteilt. Während der ersten 12 Wochen erhielten alle Patienten die Prüfmedikation. Anschließend konnten die Ärzte entscheiden, ob die Patienten für weitere 3 Monate behandelt werden sollten. Das war bei 78,5 Prozent der Patienten der Fall. Die übrigen Patienten nahmen im zweiten Studienabschnitt an den Visiten teil, aber blieben ohne medikamentöse Behandlung.

Ergebnisse: Die Wirksamkeit von Hypericum-Extrakt STW 3 und Sertralin wurde mit Hilfe der Hamilton-Depressions-Skala (HAMD-17) gemessen. Ausgehend von gleichen Ausgangswerten in beiden Patientengruppen (22 Punkte) verbesserte sich der HAMD innerhalb von zwölf Wochen auf durchschnittlich 8,3 Punkte bei Patienten mit Hypericum-Behandlung und auf 8,1 Punkte bei Patienten unter Setralin. Eine weitere Verbesserung des HAMD-Scores wurde bei den weiterbehandelten Patienten bis zum Ende der Studie nach 24 Wochen gesehen: auf 5,7 (STW 3) und 7,1 Punkte (Sertralin).

Die Testung des Hypericum-Extraktes STW 3 auf therapeutische Gleichwertigkeit mit Sertralin erwies sich schon nach 12 Wochen als hochsignifikant (P<0,0001).

Der Anteil der Therapieresponder lag bei 69 Prozent in der Hypericum-Extrakt-Gruppe und 70 Prozent in der Sertralin-Gruppe. Nach 24 Wochen erhöhten sich die Zahlen auf 84 Prozent (STW 3) und 81 Prozent (Sertralin). Diese Ergebnisse wurden durch die anderen sekundären Wirksamkeitsparameter (BfS, CGI) bestätigt.

In der überwiegenden Zahl der Fälle wurde die Verträglichkeit beider Medikamente als „sehr gut“ und „gut“ bewertet.

Fazit: Beide Studien zeigen eindeutig, dass Johanniskraut-Extrakt (STW) in der Einmaldosierung bei mittelschwerer Depression:

  • Placebo signifikant überlegen ist
  • ebenso wirksam wie die chemischen Standards Citalopram und Sertralin (SSRI) ist
  • nach 12 Wochen Behandlung noch weitere Verbesserung des HAMD-Scores zeigt
  • sehr gut verträglich ist

Erstmals zeigen diese Studien für Johanniskraut-Extrakt die Wirksamkeit der compliancefördernden Einmalgabe bei mittelschwerer Depression und unter doppelblinden, kontrollierten Bedingungen die Wirksamkeit von Johanniskrautextrakt in der Langzeittherapie.
Prof. Dr. med. Markus Gaspar
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Rheinische Kliniken Essen
Virchowstraße 174
D-45147 Essen
m.gastpar@uni-essen.de

[Folien]

Literatur:
1.      Linde K, Mulrow CD, Berner M, Egger M.: St. John’s wort for depression. Cochrane Database Syst Rev. 2005 Apr 18;(2):CD000448.

2.      Gastpar M, Bässler D., Zeller K.: Vergleichende, placebokontrollierte Studie von Hypericum-Extrakt STW3-VI mit Citalopram bei Patienten mit mittelschwerer Depression, Med. Klin. 100:117, 2005

3.      Gastpar M., Singer A., Zeller K.: Efficacy and Tolerability of Hypericum Extract STW3 in Long-Term Treatment with a once Daily Dosage in Comparison with Sertraline, Pharmacopsychiatry 38: 78-86 (2005)


Ulf Maywald, Dresden

Statement zum Thema

Phytopharmaka aus Patientensicht: Beispiel Johanniskraut

Phytopharmaka sind aus der Selbstmedikationslandschaft in Deutschland nicht mehr wegzudenken. Gerade Johanniskraut ist wohl eines der meistverkauften pflanzlichen Arzneimittel in Deutschland. Leider ist der Markt der pflanzlichen Medikamente sehr heterogen und für den Patienten sehr unübersichtlich. Das wäre erträglich, wenn „Johanniskraut gleich Johanniskraut“ wäre. Da dies aber keinesfalls gegeben ist, ist die derzeitige Situation auf dem Markt für Johanniskrautpräparate (dies gilt für andere Phytopharmaka ebenso) aus Patientensicht absolut unbefriedigend.

Laut des Arzneimittelinformationssystems des Bundes und der Länder existieren in Deutschland 508 Zulassungen für Johanniskrautpräparate (ohne Homöopatika, aber inclusive Arzneitees), nur 360 von diesen Präparaten sind jedoch auch apothekenpflichtig. Von den 180 Arzneimitteln, die Johanniskraut-Trockenextrakte enthalten (also den klassischen Johanniskraut-Tabletten, Kapseln und Dragees), sind 135 apothekenpflichtig. Die restlichen werden auch in Drogerie, Reformhaus und Discounter angeboten.

Problematisch ist hierbei aus Patientensicht, dass ein undurchsichtiges Nebeneinander von schon regulär zugelassenen, traditionellen und im Nachzulassungsverfahren befindlichen Arzneimitteln angeboten wird.

Die beiden letzteren sind erkennbar an:

  • dem Hinweis auf der Packung „Traditionell angewendet bei… . Diese Anwendung beruht ausschließlich auf Überlieferung und langjähriger Erfahrung“ oder
  • einer Registrierungsnummer (Reg.-Nr.:…) anstelle der sonst üblichen Zulassungsnummer (Zul.-Nr.:…).

Beiden gemeinsam ist, dass sie vor dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ihre Wirksamkeit nicht nach dem anerkannten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse belegt haben.
Seit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG) 2004 werden Johanniskrautpräparate von den Patienten zunehmend selbst finanziert, und gerade in diesem Fall haben die Patienten die Erwartung und einen gewissen Anspruch, ein wirksames Präparat zu erstehen. Die GKV hat Ressourcen und Steuerungsmöglichkeiten, die Kostenübernahme für unwirksame Leistungen zu verhindern. Dies kann der Patient nicht und als Ausgleich benötigt er mindestens Markttransparenz dafür.

So sind durch die Arzneimittelrichtlinien traditionell angewendete Johanniskrautpräparat schon lange wegen der fehlenden Wirksamkeitsbelege von der Erstatung durch die GKV ausgeschlossen.

Zudem kann Johanniskraut zahlreiche Wechselwirkungen mit anderen (schulmedizinischen) Arzneimitteln verursachen. Gerade in den letzten Jahren sind immer neue Fallberichte diesbezüglich aufgetaucht. Betroffen sind zum Beispiel gerinnungshemmende Substanzen, Arzneimittel zur Verhinderung der Transplantatabstoßung, die „Pille“, bestimmte Antidepressiva und Schmerzmittel sowie antivirale Medikamente zur AIDS-Therapie. Längst nicht alle (den besonders außerhalb der Apotheke verkauften Packungen) beiliegenden Gebrauchsinformationen spiegeln dieses Risiko der Johanniskraut-Einnahme für die betroffenen Personen adäquat wieder. Gerade die traditionellen und die Arzneimittel in der Nachzulassung haben teilweise veraltete Packungsbeilagen, die zur Aufklärung der Patienten schlichtweg ungeeignet sind und diese unter Umständen sogar gefährden.

Ein weiteres Problem für die Arzneipflanze Johanniskraut auf dem Weg zum seriösen Antidepressivum ist die Vielzahl von Indikationen, in denen Hypericumhaltige Arzneimittel angeboten werden. Sind bei den apothekenpflichtigen Präparaten von Tonika über Mittel bei Wechseljahresbeschwerden und Antidepressiva allein drei völlig verschiedene Indikationen vertreten, so taucht Johanniskraut bei den traditionellen, nichtapothekenpflichtigen Arzneimitteln gleich in 47 verschiedenen Zusammensetzungen und 7 verschiedenen Indikationsbereichen auf. Für den Patienten ist es somit unmöglich zu unterscheiden, in welchen Indikationen Johanniskrautpräparate wirksam sind und welchen nicht.

Es muss dem Patienten klar kommuniziert werden, dass nur regulär zugelassene Arzneimittel (mit Zul-Nr. auf der Umverpackung) vor dem BfArM ihre Wirksamkeit in der zugelassenen Indikation bewiesen haben. Alle anderen Johanniskrautpräparate sind durch die zeitweilig etwas skurrile deutsche Arzneimittelgesetzgebung am Markt, in anderen Ländern wären diese wahrscheinlich längst verschwunden.

Auch die fehlende Einheitlichkeit der Beschreibung der Wechselwirkungen in den Gebrauchsinformationen muss dringend abgestellt werden, weil hieraus eine Gefährdung der Gesundheit der Patienten resultiert.

Obwohl Johanniskraut bei mittelschweren depressiven Episoden unzweifelhaft wirksam ist, was auch die Aufnahme in die OTC-Liste des Gemeinsamen Bundesausschusses beweist, gibt es viele für die Patienten nicht zu identifizierende, unwirksame „Trittbrettfahrer“. Damit gemeint sind Johanniskraut-haltige Medikamente, die den guten Ruf der Droge und er „richtigen“ Johanniskraut-haltigen Phytopharmaka ausnutzen und den Patienten durch Ihre Aufmachung mehr vortäuschen als sie letztendlich halten, sei es durch Unterdosierung, unsinnige Kombination mit anderen Stoffen oder Mängel in der Packungsbeilage. Dies schädigt, wenn auch nicht zwingend die Gesundheit, so doch zumindest die Finanzen der Patienten, da sie im Glauben an eine später nicht eintretende Wirkung das Medikament kaufen.

Daher sollten sich Patienten, die eine Selbstmedikation mit Johanniskraut in Betracht ziehen, in jedem Fall beim Arzt oder in der Apotheke beraten lassen, bevor Sie eine Kaufentscheidung fällen.

Dr. Ulf Maywald, Apotheker,
Patientenvertreter für den Verbraucherzentralen Bundesverband e.V.
Institut für Klinische Pharmakologie
Technische Universität Dresden
Fiedlerstraße 27
D-01309 Dresden
ulf.maywald@mailbox.tu-dresden.de

www.arzneimittelberatungsdienst.de

[Folien]

 

16.03.2006 Heilpflanzen Beschwerden
Pressekonferenzen 2006 2005 2004 2003 2002 2001  2000 1999
Pressemeldungen 2005 2004 2003 2002 2001 2000 1999