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1999

Volksleiden Rheuma: Phytoforschung zeigt neue Behandlungswege

Termin: Mittwoch, den 26. April 2006
Zeit: 11.00 - 13.00 Uhr
Ort: PresseClub München
Marienplatz 22
80331 München

 

11.00 Uhr

Prof. Dr. Michael Popp, Neumarkt

KFN: Neue Kooperation mit naturheilkundlichen Krankenhäusern.                                              

Diskussion

11:15 Uhr

PD Dr. med. André-Michael Beer, Hattingen

Rückenschmerzpatienten: Wie sieht eine optimale
integrierte Versorgung aus?

Diskussion

11.45 Uhr

Dr. med. Benno Ostermayr, München

Rheumatherapie: Hat die Naturheilkunde
wirksame Konzepte?

Diskussion

12:15 Uhr

Prof. Dr. med. Reinhard Saller, Zürich

Chronischer Rheumaschmerz: Ist Weidenrinde
ein neuer Hoffnungsträger?

Diskusison

12:45 Uhr

Prof. Dr. Gerhard P. McGregor, Marburg

Pharmakologie: Aktuelle Erkenntnisse zum
Wirkprinzip von Teufelskralle

Diskussion

Moderation: Dr. Marcela Ullmann
Veranstalter: Komitee Forschung Naturmedizin e.V. (KFN)

Michael Popp, Neumarkt

Statement zum Thema

KFN: Neue Kooperation mit naturheilkundlichen Krankenhäusern

Meine Damen und Herren,

Das KFN konnte als eine gemeinnützige Einrichtung in den ersten Jahren seiner Existenz einige Erfolge im Bereich der Phytotherapie verbuchen:

  • wir haben eine gewaltige Menge von Daten gesammelt und zu Dokumentationen zusammengefasst,
  • haben Konsensuskonferenzen und Expertentreffen organisiert, die zur Klärung strittiger Fachfragen beigetragen haben,
  • waren bei der Erarbeitung von Transparenz- und Qualitätskriterien behilflich, die das Niveau der pflanzlichen Medizin für den Verbraucher nachhaltig verbesserten,
  • haben bei Ärzten und Apothekern die Fort- und Weiterbildung unterstützt,
  • und vieles andere mehr.

Das alles konnten wir auch dank Ihrer Unterstützung schaffen, dafür einen herzlichen Dank! Bedanken möchten wir uns auch bei den vielen engagierten Forschern, deren Arbeitsergebnisse die Phytotherapie in den letzten Jahren weiter gebracht haben.

Weil aber Stillstand oft Rückschritt bedeutet, erweitern wir in diesem Jahr unsere Arbeit gleich um zwei wichtige Bereiche

  • „Health Basics“, über das wir bereits in der Pressekonferenz am 6. April 2006 informiert haben, und
  • die Zusammenarbeit mit naturmedizinisch arbeitenden Kliniken der Akutversorgung.

Ab 2006 ist nämlich dem KFN die Arbeitsgemeinschaft für Naturheilverfahren im Akutkrankenhaus beigetreten, ein Zusammenschluss von acht Krankenhäusern der Akutversorgung, die sich alle auf naturmedizinische Behandlung spezialisiert haben und gleichzeitig an Lehre – also der Ausbildung von Medizinstudenten – oder Forschung beteiligt sind. Zwei Vertreter dieser Arbeitsgemeinschaft, Dr. Beer und Dr. Ostermayr, sind auch Referenten unserer heutigen Pressekonferenz und beantworten gerne alle Ihre Fragen.

Während wir neue Felder betreten, wollen wir natürlich nicht unsere bisherigen Aufgaben vernachlässigen – die Forschung im Bereich der pflanzlichen Medizin. Aktuell liegt uns vor allem die nach wie vor mangelhafte Transparenz am Herzen, die bisher bei rezeptfreien Arzneimitteln verhindert, dass Kunden/Patienten wirklich zu mündigen Verbrauchern werden und ihre Entscheidungen rational treffen können.

Mit rheumatischen Beschwerden haben wir für die heutige Pressekonferenz ein Thema  gewählt, dass geradezu exemplarisch zeigt, wie wichtig eine interdisziplinäre und Sektoren übergreifende Zusammenarbeit wäre, in die auch die Betroffenen integriert sein müssten. Und wie segensreich dabei die gut dokumentierten pflanzlichen Arzneimittel – richtig angewandt – wirken können.

Prof. Dr. Michael Popp
Vorsitzender vom Komitee Forschung Naturmedizin e.V. (KFN)


André-Michael Beer, Hattingen

Statement zum Thema

Rückenschmerzpatienten: Wie sieht eine optimale integrierte Versorgung aus?

Kreuzschmerzen zählen in den Industrienationen zu den häufigsten Beschwerden, die eine ärztliche Behandlung erfordern. Die Prävalenz von Kreuzschmerzen beträgt in Deutschland mehr als 80 Prozent. Jeder vierte Patient der einen niedergelassenen Allgemeinmediziner aufsucht kommt wegen Kreuzschmerzen, zu Orthopäden jeder zweite Patient [1, 2, 3].

Die konventionelle Therapie mit chemisch-definierten Arzneimitteln, minimal invasiven Injektionen und physikalischer Therapie ist nicht selten akut hilfreich, aber gerade bei chronischen Rückenschmerzpatienten erfahrungsgemäß oft nicht ausreichend intensiv oder längerfristig wirksam und mit nicht wenigen Nebenwirkungen behaftet. Bei 20 bis 40 Prozent der Patienten treten bei längerer Einnahme von chemisch-definierten nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSA) gastrointestinale Nebenwirkungen auf [4]. Dies dürfte einer der wesentlichen Gründe dafür sein, dass sich laut  aktueller Umfragen [5] mehr als 50 Prozent der Bundesbürger weniger eingreifende Therapiemöglichkeiten wünschen.

Versorgungswege von Rückenschmerzpatienten

Primär erfolgt eine ambulante Versorgung des Patienten mit Rücken- und Kreuzschmerzen beim Facharzt für Allgemeinmedizin oder für Orthopädie oder einem schmerztherapeutisch spezialisierten Arzt nach konventioneller und/oder naturheilkundlicher Ausrichtung. Wenn dies nicht ausreicht, sind stationäre Aufenthalte in konventionellen Abteilungen  (akutstationär oder orthopädische Rehabilitationskliniken) oder – als neue, noch wenig bekannte Versorgungsform – in naturheilkundlichen Abteilungen der Akutkrankenhäuser notwendig. 

Stationäre Naturheilkunde

Zunehmend bieten ausgewählte Kliniken die stationäre Versorgung mit Naturheilverfahren an  Diese Kliniken haben sich in der Arbeitsgemeinschaft Naturheilverfahren im Akutkrankenhaus unter der Leitung von Herrn PD Dr. med. R. Brenke, Hufeland-Klinik, Bad Ems, zusammengeschlossen.

Die Arbeitsgemeinschaft  entwickelt derzeit eine Leitlinie, die den Stand der naturheilkundlich-medizinischen Fachmeinung darstellt, unter welchen Bedingungen bei einem chronisch erkrankten Patienten eine Aufnahme in ein Krankenhaus zu einer stationären naturheilkundlichen Komplextherapie in der Regel erforderlich ist.

Die Kriterien dienen ergänzend zu den G-AEP-Kriterien als Leitfaden für Krankenhausärzte bei der Behandlungsentscheidung nach § 39 SGBV, für niedergelassene Ärzte bei der Entscheidung über eine Einweisung ins Krankenhaus und für MDK-Prüfärzte bei der Beurteilungsentscheidung. Als Grundvoraussetzung gilt generell, dass die Patienten im naturheilkundlichen Sinne reaktionsfähig und dementsprechend einem naturheilkundlichen Behandlungsansatz zugänglich sein müssen. Weiterhin ist laut der entwickelten Leitlinie sicherzustellen, dass das Behandlungsziel nicht mit den Möglichkeiten einer stationären Rehabilitation erreicht werden kann. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn der Krankheitsverlauf als so instabil bzw. so schlecht prognostizierbar einzuschätzen ist, dass eine tägliche ärztliche Behandlungssteuerung erforderlich erscheint und somit die ärztliche Leistung im Vordergrund steht.

Eine naturheilkundliche Komplextherapie in einem Krankenhaus gilt bei einer chronischen Erkrankung entsprechend der entwickelten Leitlinie dann als indiziert, wenn die Voraussetzungen der G-AEP-Kriterien oder eines der nachfolgenden Kriterien erfüllt ist. Der Chronifizierungsgrad, die Stärke der Symptome und die Komplexität der Erkrankung sind dabei wesentliche Kriterien.

Es liegen mittlerweile auch erste Ergebnisse aus einer Studie vor, in der bei Kreuzschmerzen die  stationäre Naturheilkunde mit konventioneller Krankenhausbehandlung verglichen wurde. Das Ziel dieser Studie, die vom „Initiativkreis Ruhrgebiet“ durchgeführt wurde, war es, die Qualität der Behandlung der Ruhrgebietskliniken auf der Basis von Patienten- und Ärztebefragungen sowie anhand klinikinterner Leistungsstatistiken darzulegen [6].

Dazu wurden drei Fachbereiche ausgewählt, die für die stationäre Behandlung besonders aussagekräftig sind: Chirurgie, Kardiologie und Wirbelsäulenerkrankungen. Unsere Modellabteilung für Naturheilkunde in Blankenstein, in der Krankenhausbehandlungen mit Naturheilverfahren auch bei Wirbelsäulenerkrankungen durchgeführt werden, beteiligte sich ebenfalls an dieser Erhebung.

Insgesamt 12.270 Patienten, die zwischen September 2003 und Januar 2004 aus den teilnehmenden Kliniken entlassen wurden, erhielten einen Fragebogen zur Versorgungsqualität. In Blankenstein wurden auf diese Weise 243 entlassene Patienten befragt. Gefragt wurde nach der subjektiven Einschätzung des Behandlungserfolgs. Mit 85 Prozent lag die stationäre Naturheilkunde im mittleren Drittel der Bewertung.

Die Ergebnisse zeigen, dass die stationäre Naturheilkunde bei der konservativen Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen ihren festen Stellenwert hat und ein Vergleich mit Einrichtungen der konventionellen Medizin nicht zu scheuen braucht [7].

Die Behandlungsmöglichkeiten mit Naturheilverfahren in der stationären naturheilkundlichen Versorgung sind weitaus größer als in der ambulanten Versorgung, da hier serielle Anwendungen in hoher Dichte möglich sind [8]. Als Beispiel wird abschließend beispielhaft ein Therapiekonzept vorgestellt.

Die stationäre naturheilkundliche Komplexbehandlung wird bundesweit von den chronisch kranken Patienten, die bereits andere Versorgungsformen durchlaufen haben, zunehmend geschätzt und in Anspruch genommen, von den einweisenden  Ärzten und den Kostenträgern empfohlen und gilt als fester Bestandteil der integrierten Versorgung von Rückenschmerzen.  

Allerdings ist das Wissen um diese neue Versorgungsstruktur noch nicht allgegenwärtig und muss daher kommuniziert werden.  

Priv. Doz. Dr.med. André-Michael Beer, M.Sc.
Modellabteilung für Naturheilkunde,
Klinik Blankenstein
Im Vogelsang 5 – 11
45527 Hattingen
E-mail: andre.beer@klinik-blankenstein.de

Literaturliste:

[1]   Ludwig J, Krämer J: Kreuzschmerz. Orthopäde 2002; 31(3): 337-43.

[2]   Raspe H, Kohlmann T: Kreuzschmerzen – eine Epidemie unserer Tage? Dtsch Arztebl 1993; 90(44): A 2920-25.

[3]   Ludwig J, Radke T, Schröder S: Epidemiologie orthopädischer Erkrankungen. Z Orthop Ihre Grenzgeb 1999; 137: 6-8.

[4]   Koelz HR, Michel B: Nicht-steroidale Antirheumatika. Dtsch Arztebl 2004; 101 A, 3041-3046.

[5]   Marstedt G, Moebus S: Inanspruchnahme alternativer Methoden in der Medizin. Gesundheitsberichterstattung des Bundes,  9 (2002) 6.

[6]   Initativkreis Ruhrgebiet (Hrsg.): Der Klinik-Führer Ruhrgebiet. (Klinikführer@i-r.de). 2004.

[7]   Beer AM, Darmer M, Fey St, Tan K, Wiebelitz R: Ergebnisse der Transparenzinitiative “Spitzenmedizin im Ruhrgebiet”. Stationärer Naturheilkunde im Vergleich. EHK 2005; 54: 453-458.

[8]   Beer A-M (Hrsg.) Stationäre Naturheilkunde. Urban & Fischer, München, 2005.

[Folien]


Benno Ostermayr, München

Statement zum Thema

Rheumatherapie: Hat die Naturheilkunde wirksame Konzepte?

Trotz Einführung neuer Medikamente und verbesserter therapeutischer Strategien sind die Langzeitergebnisse bei der Behandlung degenerativer und entzündlicher Gelenkerkrankungen nach wie vor nicht befriedigend. Die rheumatoide Arthritis, aber auch verschiedene Formen der Arthrose gehen bei einem Großteil der Betroffenen mit einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität einher. Das Leben mit Erkrankungen, die zu Chronifizierung und Progredienz neigen, aber auch die Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie sowie der Wunsch, den Behandlungsprozess aktiv mitzugestalten, veranlassen viele Rheumatiker und Arthrosepatienten sich naturheilkundlichen Behandlungsmethoden zuzuwenden.

Das Spektrum der naturheilkundlichen Methoden, die sich bei der Behandlung rheumatischer Erkrankungen bewährt haben, umfasst vor allem

  • Ernährungstherapie
  • Hydrotherapie
  • Thermotherapie
  • Bewegungstherapie
  • Massage
  • Phytotherapie
  • Ordnungstherapie
  • ausleitende Verfahren
  • Neuraltherapie.

Einige dieser Verfahren haben mittlerweile auch Eingang in die schulmedizinische Therapie gefunden. Dies trifft im besonderen Umfang für die Therapieformen der physikalischen Medizin zu, die vorwiegend mechanische, kinetische und thermische Reize einsetzt, um damit Schmerzen, Entzündungen und Funktionsstörungen der Bewegungsorgane zu beeinflussen. Ein Großteil dieser Verfahren, wie z. B. die Massage, Bewegungstherapie oder die Hyperthermie entfalten nicht nur lokale, sondern auch übergeordnete, systemische Wirkungen im Bereich der Psyche, des vegetativen Nervensystems sowie des Hormon- und Immunsystems.

Die naturheilkundliche Rheuma-Diät, die in der Vergangenheit häufig kontrovers diskutiert wurde, hat mittlerweile eine breitere Akzeptanz gefunden. Neuere Studien und Untersuchungen belegen, dass diätetische Maßnahmen einen positiven Einfluss auf die Ausprägung und den Verlauf der Erkrankung wie auch auf das Allgemeinbefinden des Patienten haben. Wichtige Bestandteile dieses Diätkonzepts sind initiale Fasten- und Rohkostperioden, die langfristige Umstellung auf eine lactovegetabile Vollwerternährung und die zusätzliche Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren und antiinflammatorischen Mikronährstoffen.

Die traditionelle Arzneitherapie der Naturheilkunde ist die Phytotherapie. Diese war in den letzten Jahren Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung, so dass inzwischen zur Behandlung rheumatischer Erkrankungen einige gut geprüfte und standardisierte Präparate aus Harpagophytum procumbens, Salicis cortex, Urtica dioica/urens und zur äußerlichen Anwendung aus Capsicum frutescens zur Verfügung stehen. Der Vorzug der pflanzlichen Antirheumatika liegt vor allem darin, dass sie nebenwirkungsarm oder sogar nebenwirkungsfrei sind, und dass sie in Kombination mit der klassischen Pharmakotherapie dazu beitragen können, vor allem die nichtsteroidalen Antirheumatika einzusparen.

Bei Patienten mit chronisch-rheumatischen Erkrankungen treten bei längerem Krankheitsverlauf häufig auch Depressionen, Ängste und Störungen im sozialen und beruflichen Bereich auf. Für den naturheilkundlichen Arzt erwächst hier die Aufgabe einer ganzheitlichen Behandlung nach ordnungstherapeutischen Gesichtspunkten. Diese umfasst neben Information und Beratung auch die aktive Unterstützung und verstärkte Einbeziehung des Patienten in den therapeutischen Prozess, damit dieser einen selbständigen Umgang mit seiner Krankheit erlernen kann.

Dr. med. Benno Ostermayr
Krankenhaus für Naturheilweisen Harlaching
Seybothstraße 65
81545 München
Tel.: 089-62505-0
ca.dr.ostermayr@kfn-muc.de

[Folien]


[Folien] von Prof. Dr. med. Reinhard Saller, Zürich

Statement zum Thema

Chronischer Rheumaschmerz: Ist Weidenrinde
ein neuer Hoffnungsträger?


Gerhard McGregor, Marburg

Statement zum Thema

Pharmakologie: Aktuelle Erkenntnisse zum
Wirkprinzip von Teufelskralle

Extrakte der sekundären Speicherwurzeln der südafrikanischen Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) liefern ein pflanzliches Arzneimittel, das mittlerweile in Europa besonders aufgrund seiner antientzündlichen Eigenschaften – gut bekannt ist. Zubereitungen aus dieser Arzneipflanze wird eine ganze Reihe von traditionellen Indikationen zugeschrieben, die Behandlung der Osteoarthritis ist aber mittlerweile die bekannteste. Bei dieser Indikation wird Teufelskralle auch im zunehmenden Maße angewandt.

Das hat mehrere Gründe: Noch immer fehlen wirklich wirksame medikamentöse Therapien zur Behandlung der Osteoarthritis, die Sicherheitsbedenken zur COX-2-Hemmern, der beliebtesten Wirkstoffgruppe zur Behandlung der Osteoarthritis, nahmen in den letzten Jahren zu, und die Zahl betroffener Patienten steigt stetig an. Außerdem nimmt die Evidenz der Wirksamkeit von Teufelskrallenextrakten in der Behandlung dieser Erkrankung zu.

Osteoarthritis wurde lange Zeit als degenerative Erkrankung angesehen, die in ihrem Verlauf zu Entzündungen des Gelenkgewebes führt und damit auch zum chronischen Schmerz. Da die Entzündung als ein Sekundärprozess des gesamten Krankheitsverlaufes galt, wurden antientzündliche Maßnahmen als Symptombehandlung eingestuft, die zwar die Beschwerden lindert, auf den primären Erkrankungsprozess aber ohne wesentlichen Einfluss bleibt. In dieser Hinsicht konnte die Behandlung mit Teufelskralle-Extrakten ähnlich betrachtet werden wie alle anderen Therapieoptionen – es gab eben noch keine “disease-modifying” Behand­lung für diese Indikation.

Ich möchte hier die Ergebnisse unserer neueren Untersuchungen zum Wirkmechanismus eines Teufelskrallenextraktes (Trockenextrakt aus Teufelskrallenwurzel DEV 4,5 –5,1 : 1, 60 Prozent Ethanol) präsentieren, die wichtige Erkenntnisse für die Behandlung früher Prozesse der Osteoarthritis lieferten. Vorher allerdings möchte ich kurz auf das eingehen, was über diese Indikation derzeit bekannt ist. Neuere Erkenntnisse über Osteoarthritis liefern nämlich eine neue Rationale für ihre Behandlung, die gut zu dem pharmakologischen Wirkmechanismus des Teufelskrallenextraktes, die wir entdeckt haben, passen könnte.

Weltweit ist Osteoarthritis die häufigste Erkrankung des Bewegungsapparates mit einer Inzidenz, die zehn Mal höher ist als die der rheumatoiden Arthritis. Die Ätiologie der Erkrankung ist bisher unklar. Die Erkrankung ist assoziiert mit Gelenksverletzungen oder mit Fehlstellungen der Gelenke, in deren Folge es zu Abnutzungen der Gelenksstruktur kommt, einem langsamen Knorpelabbau, später auch zu Knochendeformationen. Es handelt sich hierbei um einen langsamen chronischen Prozess, der eine kritische Phase im späteren Alter erreicht, wobei Schmerz und Bewegungseinschränkung die Hauptsymptome sind.

Die wichtigsten Behandlungsoptionen bei Osteoarthritis sind Maßnahmen zur Verbesserung der Mobilität wie Physiotherapie und schmerzstillende Arzneimittel. Intraatrikuläre Injektionen von Steroiden oder Substanzen, die die Gleitfähigkeit der Gelenksflüssigkeit verbessern sollen, sind häufige zusätzliche Therapieoptionen. Diese Verfahren bieten dem Patienten allerdings in der Regel nur bescheidene Besserung, so dass der operative Gelenksersatz häufig die finale Option darstellt. Es besteht also ein großer Bedarf für neue medikamentöse Behandlungen dieser Erkrankung.

In letzter Zeit konnten neue Erkenntnisse gewonnen werden, die Einblicke in die Natur der Erkrankungsabläufe, die an der Osteoarthritis beteiligt sind, gewähren. Traditionell wird diese Indikation als degeneratives Geschehen betrachtet, das sekundär zur Entzündung des Gelenkgewebes und zum Schmerz führt. Wie neue Untersuchungen jedoch zeigen, treten die entzündlichen Prozesse bereits in den frühen Stadien der Erkrankung auf. Innerhalb des Gelenkgewebes werden proinflammatorische Proteine oder Zytokine freigesetzt und lösen eine Kaskade entzündlicher Prozesse aus, die zum Knorpelabbau führen und Schmerzverursachende Substanzen wie Prostaglandine freisetzen.

Proinflammatorische Zytokine werden von Chondrozyten und Makrophagen synthetisiert und freigesetzt. Chondrozyten befinden sich im Knorpelgewebe und Makrophagen in der entzündeten Synovialmembran. Chondrozyten und Makrophagen haben aufgrund ihrer gleichen embriologischen Entwicklung viele Gemeinsamkeiten. Auch proinflammatorische Zytokine wie TNFa stimulieren die Freisetzung von Enzymen, die für den Knorpelabbau verantwortlich sind. TNFa ist ein wichtiger Promoter des Entzündungsprozesses und ein Aktivator von frühen Phasen der Entzündungskaskade. Es aktiviert die Synthese anderer Zytokine sowie des Enzyms COX-2, welches wiederum Prostaglandin E2 generiert, dass dann Schmerz-Pathways aktiviert. Proinflammatorische Zytokine wie TNFa stimulieren auch die Freisetzung von Enzymen, die für den Knorpelabbau verantwortlich sind. TNFa kann mittlerweile als molekulares Target in der Behandlung der Osteoarthritis angesehen werden.

In diesem Kontext sollten die Ergebnisse unserer Studien betrachtet werden, die wie in Zusammenarbeit mit Dr. Bernd Fiebich und Kollegen an der Universität Freiburg durchgeführt haben. In einer Reihe von in-vitro-Experimenten wollten wir erfahren, wie ein Ethanol-Wasser-Extrakt aus der Wurzel der Teufelskralle die Biosynthese und Freisetzung von TNFa in isolierten humanen Monozyten beeinflusst. Monozyten sind Zellen, die im Blut vorliegen. Aufgenommen werden sie von Geweben, die sie vor Infektionen und bei Verletzungen schützen sollen. In Geweben werden sie als Makrophagen nach Gewebeverletzung oder Infektion aktiviert. Nach Aktivierung setzen sie Zytokine wie TNFa frei. Diese stimulieren ihrerseits eine Entzündung, die darauf abzielt, Pathogene zu bekämpfen sowie Pathogene und beschädigte Zellen zu beseitigen. Im Falle chronisch entzündlicher Erkrankungen gerät dieser Prozess außer Kontrolle: Ein Überschuss an Zytokinen wird generiert, die Entzündung setzt sich fort und gesundes Gewebe wird beschädigt. Isolierte Monozyten können die Freisetzung von TNFa durch Zugabe von Endotoxin aktivieren, der Ethanol-Wasser-Extrakt aus Teufelskralle konnte in unseren Untersuchungen die aktivierte Freisetzung von TNFa dosisabhängig hemmen.

Nach diesen aufregenden Ergebnissen haben wir eine Reihe von Versuchen durchgeführt, um den molekularen Mechanismus dieses Effektes zu klären. Für diese Versuche haben wir verschiedene molekulare und biochemische Methoden eingesetzt. Gut bekannt ist ein Verfahren, bei dem vor der Freisetzung von TNFa das TNFa-Gen aktiviert wird, so dass die Zelle dann mehr des Proteinmoleküls synthetisiert. Der Teufelskrallenextrakt zeigte eine dosisabhängige Inhibierung dieser Aktivierung des TNFa-Gens. Der Effekt zeigte sich in reduzierten Spiegeln von TNFa mRNA und wurde durch zwei Methoden der mRNA-Analyse bestätigt.

Es gibt drei verschiedene intrazelluläre „Pathways“ der Signalmoleküle, die an der Aktivierung des TNFa-Gens beteiligt sind. Jeder dieser Pathways wurde mit molekularen Nachweismethoden überwacht. Nur einer von ihnen zeigte sich nach Zugabe des Teufelskrallenextraktes gehemmt.

Die Ergebnisse unserer Experimente lassen uns schlussfolgern, dass der untersuchte Teufelskrallenextrakt die Aktivierung der TNFa-Genexpression hemmt, in dem er auf einen bestimmten intrazellulären Pathway wirkt. Außerdem legen sie nahe, dass das molekulare Target eine spezifische intrazelluläre Proteinkinase (PKCε) sein könnte. PKCε gilt als wichtiger intrazellulärer Aktivator von Entzündung, und PKCε-Inhibition gilt als wichtiges Target für die Entwicklung neuer antientzündlicher Wirkstoffe. Wie unsere Ergebnisse zeigen, haben wir mit dem Teufelskrallenextrakt möglicherweise einen solchen Wirkstoff bereits gefunden. Interessanterweise findet man PKCε auch in Schmerzneuronen, wo sie als intrazelluläre Schmerzmediatoren wirken. Eventuell erklärt sich so auch der schmerzlindernde Effekt der Teufelskralle.

Prof. Dr. Gerhard P. McGregor
Philipps-Universität-Marburg,
Institut für normale und pathologische Physiologie
Deutschhausstr. 2
35033 Marburg
Tel. 0641-7960-930

[Folien]

 

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28.04.2006 Krankheiten Sitemap