Renaissance eines pflanzlichen Schmerzmittels

Weidenrinden-Extrakt lindert Rückenschmerzen ohne nennenswerte Nebenwirkungen

Den ältesten Beleg liefert eine Tontafel aus der Zeit rund 700 v. Chr. Sie zeigt neben anderen assyrisch-babylonischen Rezepturen auch Weidenblätter. Die vorerst jüngste Publikation stammt dagegen vom Juli 2000: Im renommierten „American Journal of Medicine“ berichtet eine Gruppe deutscher und israelischer Wissenschaftler über die Ergebnisse ihrer randomisierten, doppelblinden Studie. Die beiden Quellen kommen zur gleichen Aussage: Das pflanzliche Medikament Weidenrinde (Salicis cortex) hat eine eindeutig schmerzlindernde Wirkung.

Die analgetischen und fiebersenkenden Eigenschaften der Weidenrinde sind seit den alten Hochkulturen Indiens und Ägyptens bekannt. Bereits 1763 wurde die von den Ästen der Weide abgezogene Rinde zum ersten Mal pulverisiert und zur Behandlung von Malaria (Sumpffieber) eingesetzt. Im 19. Jahrhundert wurde zunächst der Wirkstoff Salicin in kristalliner Form isoliert, bereits wenig später konnte die Salicylsäure synthetisch hergestellt werden. 1897 glückte es dann dem deutschen Apotheker und Chemiker Felix Hoffmann, aus Salicyl- und Essigsäure die Acetylsalicylsäure (kurz: ASS) herzustellen: Aspirin war geboren.

ASS und andere Salicylate, die als „nichtsteroidale Antirheumatika“ (NSAR) zusammengefasst werden, haben aber eine gemeinsame, unangenehme Eigenschaft: Viele Patienten tauschen die Schmerzen in ihren Gliedern gegen quälende Beschwerden im Magen-Darm-Bereich ein. Das ist beim Naturprodukt Weidenrinde nicht der Fall. Es enthält nur die natürliche Vorstufe Salicin. Dieser Stoff passiert den Magen unverändert und wird erst in der Leber und am Ort des entzündlichen Geschehens in Salicylsäure umgewandelt. Das Risiko von Nebenwirkungen ist deshalb äußerst gering.

Das ist auch die Quintessenz der im „American Journal of Medicine“ (Vol. 109, Nr. 1, 1. July 2000, pp 9-14) publizierten Studie. Die Freiburger Allgemeinmedizinerin Prof. Dr. Sigrun Chrubasik hat zusammen mit Dr. Elon Eisenberg und weiteren Mitarbeitern der „Rappaport Faculty of Medicine“ in Haifa (Israel) 210 Patienten in ihre Studie aufgenommen, die unter Rückenschmerzen litten. Sie wurden in drei Gruppe eingeteilt. Die eine erhielt zur Behandlung Weidenrindenextrakt mit einer täglichen Dosis von 120 Milligramm Salicin, die zweite wurde mit 240 Milligramm Salicin behandelt, während die dritte Gruppe - ohne es zu wissen - lediglich ein wirkstofffreies Scheinmedikament (Placebo) einnahm. Der Erfolg der Behandlung wurde daran gemessen, wie viele Patienten in der vierten Behandlungswoche schmerzfrei geworden sind.

Die Auswertung der Ergebnisse durch einen Biometriker der Universität Heidelberg fiel eindeutig aus: Viele Patienten in der Hochdosisgruppe waren schon nach einer Woche von ihren Schmerzen befreit. Nach vier Wochen betrug der Anteil der schmerzfreien Patienten in der 240-mg-Gruppe 39 Prozent, in der Niedrigdosisgruppe 21 Prozent, in der Placebogruppe lediglich

6 Prozent. Lediglich bei einem der mit Weidenrinde behandelten Patienten trat eine allergische Reaktion auf.

Prof. Dr. Sigrun Chrubasik schloss in der Zwischenzeit eine weitere Studie mit 228 Patienten ab. Sie verglich dabei den Heileffekt der Weidenrinde mit der Wirksamkeit des zur Zeit modernsten Rheumamittels, des selektiven Cox-2-Hemmers Rofecoxib. Das Ergebnis: „Der Weidenrindenextrakt mit 240 Milligramm Salicyl pro Tag ist ebenso wirksam wie der selektive Cox-2-Hemmer, aber wesentlich preiswerter.“ Nach Ansicht der Wissenschaftlerin sollte wegend des günstigeren Nutzen-Risiko-Quotienten das Weidenrinden-Extrakt bevorzugt eingesetzt werden, bevor NSAR-Mittel oder Cox-2-Hemmer verordnet werden. Prof. Chrubasik: „Weidenrindenextrakt ist derzeit das potenteste Phytoanalgetikum, es wirkt nicht nur schmerzlindernd, sondern auch antioxidativ und, in geringerem Ausmaß, auch knorpelschützend.“

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20.02.2006 Studienergebnisse Sitemap Impressum - Kontakt