Referenzliste neuerer Studien mit englischer Zusammenfassung im Originaltext
Kamille in medizinischen Anwendungen
Es gibt wenige Arzneipflanzen, die auf eine Jahrtausende währende erfolgreiche therapeutische Anwendung zurückblicken und gleichzeitig für sich in Anspruch nehmen können, Gegenstand einer breiten interdisziplinären naturwissenschaftlichen Forschung geworden zu sein. Seit mehr als 2000 Jahren zählen Zubereitungen aus Kamillenblüten zum Arzneischatz mehrerer Kulturkreise. Die Kamille hat die verschiedensten Strömungen der Heilkunst in aller Welt überstanden.
Obwohl die „Echte“ oder auch „Deutsche Kamille“ (lat.: Matricaria chamomilla L. oder Chamomilla recutita (L.) Rausch.; engl.: German Chamomile) nur in Europa und Vorderasien heimisch ist, wurde sie in den meisten gemäßigten Regionen eingebürgert und wird in vielen Ländern kultiviert. Bereits vor mehr als 100 Jahren hat man mit Anbau- und Züchtungsversuchen zu Kamille begonnen. Ergebnisse sind moderne Kamillensorten, die reich an Wirkstoffen und frei von allergisierenden Bestandteilen und von konstanter Qualität sind.
Bereits 1921 wurde der erste Kamillenextrakt patentiert und bereits in den 30er Jahren wurden pharmakologische Studien mit Kamillenblütenextrakten und dem Wirkstoff Chamazulen durchgeführt, die später mit weiter entwickelten Methoden bestätigt wurden. Es gibt ganz wenige Arzneipflanzen, von denen eine ähnliche Fülle an qualifizierten pharmakologisch/ experimentellen Studien zu den wirksamen Inhaltsstoffen und so viele klinische Studien vorliegen, von denen allerdings die meisten noch nicht den seit 1994 vorgeschriebenen GCP-Prüfdesigns und den Richtlinien der EU entsprechen (was ihren Wert aber nicht mindern muß!). Derzeit gelten vor allem Extraktoptimierung, noch größere Verbesserung der Galenik (=Darreichungsform) oder Wirkstoffanreicherung bei gleichzeitiger Ausklammerung gefährdender Bestandteile (Allergene, Pestizide) als oberste Ziele der Kamillenforschung.
Wirksamkeitsmitbestimmende Inhaltsstoffe der Kamille - damit sind generell die arzneilich verwendeten Blüten, Matricariae flos, gemeint - sind:
- 0,3-1,4% (blaues) ätherisches Öl mit den Hauptbestandteilen α-Bisabolol, Bisabololoxide A und B, ß-Farnesen und Chamazulen mit seiner Vorstufe Matrizin
- etwa 15 Flavonoide (die Wirksamkeit beeinflussen v.a. Apigenin und sein Glucosid)
- Schleimstoffe und
- Cumarine.
Ätherisches Öl und Flavonoide sind vor allem in alkoholischen Extraktzubereitungen enthalten, im Kamillentee lösen sich hauptsächlich Flavonoide und Schleimstoffe und nur minimal das ätherische Öl. Entsprechend unterschiedliche Wirkungen sind zu erwarten.
Viele Wirkstoffe bewirken viele Effekte. Kamillenzubereitungen wirken:
- entzündungshemmend und wundheilend: 18 Tiermodell- und 4 Zellkulturmodell-Experimenten aus den 70er und 80er Jahren belegen dies. Im Arbeitskreis von Prof. Imming, Marburg, konnte 2002 der Wirkmechanismus geklärt werden: Speziell die Ätherischölwirkstoffe α-Bisabolol und Chamazulen hemmen die Cyclo- und Lipoxygenase, die beiden wichtigsten Überträgerenzyme der Entzündungskaskade.
- krampflösend: Am isolierten Kaninchendünndarm hemmen vor allem die Flavonoide künstlich erzeugte Krämpfe, indem sie den Calcium-Einstrom in die glatte Muskulatur, z.B. des Magen-Darmtrakts hemmen. Die spasmolytische Stärke entspricht 1/3 1/2 der des Standardspasmolytikums Papaverin;
- ulkusprotektiv und ulkuskurativ: Ätherischölwirkstoffe, v.a. α-Bisabolol, reduzieren z.B. im Streß-Ulkusmodell der Ratte die Ausschüttung und Eiweiß-auflösende Wirkung von Pepsin im Magen,
- antibakteriell: In verschiedenen mikrobiologischen Testsystemen (z.B. Lochdiffussionstest) erwiesen sich vor allem das ätherische Kamillenöl und seine Einzelbestandteile (am stärksten α-Bisabolol) hemmend gegen grampositive Keime wie Staphylo- und Streptokokken und gegen Dermatophyten (u.a. Candida albicans). Über eine Hemmwirkung auf Heliobacter pylori, ein Bakterium, das Magengeschwür verursachen kann, wurde 2002 von einer St. Petersburger Arbeitsgruppe berichtet.
- Im Mittelmeerraum wird Kamillentee zum Einschlafen getrunken. Zwei italienische Arbeitskreise konnten eine dämpfende Wirkung des wässrigen Auszuges und seines Hauptflavons Apigenin auf das Zentralnervensystem nachweisen (1982, 2000).
Immer wieder berichtete allergische Reaktionen und Kontaktdermatitiden nach Kamillenanwendung sind laut Untersuchungen von Prof. B.M. Hausen von der Dermatologischen Klinik Eppendorf in Hamburg eher auf unsachgemäße Berichterstattung und vor allem auf verunreingte Kamille zurückzuführen. Kamillentee-Apothekerware und standardisierte Kamillenextrakt-Fertigpräparate aus dem pharmazeutischen Handel stammen heute ausschließlich aus patentierter Anbauware. Damit sind Verunreinigungen aus „falschen“ Kamillen, in denen das Allergen „Anthecolid“ vorkommen kann, per se ausgeschlossen!
Nicht ganz auszuschließen sind dagegen - vor allem bei Kamilleninhalationen - Pollenallergien durch Kamillenpollen, deren allergene Bestandteile sich bei der Aufbereitung der Kamillenblüten im Extraktionsmittel lösen können.
Die weltweite Bedeutung der Kamillenblüten als Arzneipflanze äußert sich u.a. auch darin, dass sie praktisch in allen Arzneibüchern der Welt als Monographie aufgeführt ist. Für Deutschland und Europa maßgeblich sind die Monographien des Europäischen Arzneibuches zu Kamillenblüten (1997), Kamillenfluidextrakt und Kamillenöl (2004).
Mit der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Kamillenblüten und Kamillenblüten-Zubereitungen befassen sich die Monographien der Sachverständigen-Kommission E am Bundesgesundheitsamt von 1990, sowie die Monographien der European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) von 1999 und der World Health Organisation (WHO, auch 1999).
Sie geben alle ziemlich einheitlich als Anwendungsgebiete von Kamille an:
Äußerlich: Haut- und Schleimhautentzündungen sowie bakterielle Hauterkrankungen einschließlich der Mundhöhle und des Zahnfleisches (Spülungen, Salben, Umschläge).
Entzündliche Erkrankungen und Reizzustände der Luftwege (Inhalationen).
Erkrankungen im Anal- und Genitalbereich(Bäder, Spülungen und Salben).
Innerlich: Gastro-intestinale Spasmen und entzündliche Erkrankungen des Gastro-Intestinal-Traktes.
Angewendet wird die Kamille als wässriger Kamillenteeaufguß aus ca. 3 g Kamillenblüten in 150 ml heißem Wasser, als Badezusatz mit 50g Droge auf 10 L Wasser oder in Form alkoholischer Extraktpräparate und Salbenzubereitungen.
Beschränkungen zur Dauer der Anwendung, bei Schwangerschaft und Laktation oder im Straßenverkehr sind nicht gegeben, Neben- und Wechselwirkungen sind nicht bekannt. Als Kontraindikation gilt eine generelle Sensibilität gegen Korbblütler und Kamille.
Quellen:
1) H. Schilcher: Wirkungsweise und Anwendungsformen der Kamillenblüten. Handbuch für Apotheker, Ärzte und Heipraktiker und weitere Heilberufe. BMV- Berliner Medizinische Verlagsanstalt GmbH, Berlin 2004.
2)ESCOP-Monographie Matricariae Flos (mit 73 Ref.) (aufgeführt auch in 1)
Pharmakokinetik: Skinpenetration study of apigenin and luteolin
Merfort,Heilmann 1994
Wirksamkeit
Eur J Med. Res. 5(4) :171-175 (2000)
Proof of efficacy of Kamillosan cream in atopic eczema
Doppelblinde, randomisierte Vergleichsstudie zu Hydrocortison aus dem Hause Astamed
Offene multizentrische Studie an 104 Patienten mit gastrointestinalen Störungen, die 4 Wochen lang mit einer stand. Kamillenzubereitung behandelt wurden. Allgemeine Besserung, Heilung in 42% (Kassenarzt, 1978)
|